Britspotting

Filme ziehen die Menschen rund um den Globus in ihren Bann. Aber, nicht nur Hollywoodproduktionen, ausgestattet mit Top-Schauspielern, von weltbekannten Filmemachern und mit millionenschweren Budgets können das Publikum begeistern.

Wenn es dann am Ende heißt, "and the Osgar goes to ..." muss es nicht zwingend das Resultat eines unermesslichen Geldeinsatzes sein.

Sehenswerte Filme zu machen, Filme die Menschen in ihren Bann ziehen, muss nicht unbedingt extrem teuer sein. Britspotting steht seit 2000 für das Topfestival (British & Irish Film Festival) der independent Filme in englischer Sprache. Mit britspotting.de möchten die Initiatoren der Seite die Idee näher vorstellen und an Britspotting von 2000 bis 2011 erinnern.

Die Idee

Filmemacher in aller Welt stehen am Anfang ihrer Karriere vor dem Problem, keinen Resonanzboden für ihr Werk zu finden. Das oft sehr bescheidene Budget erlaubt es nicht, schillernde Namen als "Türöffner" zu nutzen. In den meisten Fällen reicht das Geld nur für kurze Filmdebüts. Das Skript stammt von unbekannten Autoren, ist nicht selten sogar selbst verfasst.

Besetzt wird der Film mit unbekannten Schauspielern, die selbst erst einen Weg zur Bekanntheit suchen. Unter dem Strich können trotz der widrigen Umstände sehr gute Filme entstehen. Nur ein Publikum finden diese Filme trotzdem nicht, da sie nicht in die Programme der großen Verleiher aufgenommen werden.

Den Teufelskreis aufzubrechen, den Fokus auf Produktionen aus England, Schottland, Wales und Nordirland zu richten, war die Anfangsidee hinter Britspotting. Gegründet wurde das "British independent Filmfestival", als Verein. In Hochzeiten waren 50 ehrenamtliche Helfer aktiv, um die Wettbewerbe, Festivals und Seminare zu organisieren.

Background - Profis helfen dem independent Film

Ein Organisationsteam, das nur aus Laien besteht, wird in der Professionalität des Filmgeschäftes nicht viel erreichen. Im Organisationsteam für Britspotting arbeiteten von Anfang ehrenamtlich Menschen, die sich bereits im Filmgeschäft etablieren konnten. Es machten Filmtheaterleiter, Verleiher und Produzenten mit.

Ihr Know-how stellte sicher, dass das Publikum ein ausgewogener Mix verschiedenster Produktionen erwartete. Freiberufliche Journalisten ermöglichten publizierend, dass der Bekanntheitsgrat des Festivals stetig wuchs. Studenten, Grafiker und Designer unterstützten sie bei der Publikrelationsarbeit.

Bis zum Jahr 2011 sorgten professionelle Techniker für den reibungslosen technischen Ablauf von insgesamt 11 Festivals. Filmproduktionen steuerten, neben Neueinsteigern, außerdem renommierte Regisseure bei. Bekannte Namen, wie Ken Loach, Danny Boyle, Michael Winterbottom und Shane Meadows stellten Filme auf Britspotting-Festivals vor.

Seminare - das Handwerk des Filmemachens erlernen

Außerhalb der Festivals, der jeweiligen Highlights des Jahres, hilft der Verein Anfängern und Fortgeschrittenen. In Seminaren erfahren sie, wie eine Filmproduktion in der Realität funktioniert. Autoren erlernen die speziellen Techniken, die das Schreiben eines Drehbuchs an sie stellt. Wichtig ist natürlich, den fertigen Film möglichst einem breiten Publikum zu präsentieren.

Profis des Geschäfts zeigen jungen Filmemachern Wege auf, um Koproduktionsmöglichkeiten zu erschließen. Wie kommt man in Kontakt zu Verleih- und Vertriebsorganisationen, welche länderübergreifenden Kooperationsmöglichkeiten gibt es, ...? Alles was Filmemacher und Produzenten wissen müssen, um erfolgreich ins Geschäft einzusteigen, wurde Seminarteilnehmern vermittelt.

Welche Filme werden präsentiert?

Wie auf jedem Festival geht es um neue Filme, ungesehene Streifen, die erstmals dem Publikum vorgestellt werden. Vorgestellt werden ein Mix aus Filmen in Kinolänge (90 Min.), Filme mit Überlänge sowie Kurzfilme. Thematisch dürfen alle Genres vertreten sein. - Dramen, Dokumentationen, Musikfilme und Komödien.

Neben, dem klassischen Kino als Präsentationsraum für Filme, bieten die Festivals außerdem Anknüpfungspunkte zu modernen Medien und alternativen Präsentationsformen. Jedes Festival für sich legt außerdem einzelne Schwerpunkte. So stand beispielsweise 2004 der spontan umgesetzte Kurzfilm im Zentrum des Festivals.

48 hour Film Challenge - Britspotting 2004

Kann ein guter Film innerhalb von 48 Stunden, unvorbereitet ohne überhaupt das Thema oder Genre zu kennen, entstehen? Genau diese Frage stand im zentralen Mittelpunkt des Britspotting-Festivals 2004 in Berlin. Auf große Resonanz des Wettbewerbs konnten sich die Veranstalter verlassen.

Bereits 2002 und 2003 wurde ein ähnlicher Wettbewerb ausgeschrieben. Im ersten Jahr nahmen 55 Filmemacher teil. Im Folgejahr, veranstaltet in London, Edinburgh, Manchester and Bristol, waren es schon 460 Teilnehmer. Wer was produzieren durfte, entschied erst, unmittelbar vor dem Produktionsstart, das Los.

Allgemein vorgegeben war, Englisch als Sprache oder zumindest Untertitel in Englisch. Außerdem durfte das Gesamtwerk eine Länge von 3 Minuten nicht überschreiten. Nun hatten die Teilnehmer ein Wochenende lang Zeit. Sie mussten das Konzept entwickeln, ein Drehbuch schreiben, den Film drehen und schneiden.

Die besten 50 Filme würden von einer Jury ausgewählt und im Rahmen des Festivals eine Woche später dem Publikum präsentiert. Die besten 10 der Filme würden später auf Tour gehen und unter anderem in London gezeigt. Dem Gewinner winkte ein wertvoller Post-Produktion-Preis und natürlich Ruhm und Ehre.

Prämierter Kurzfilm 2009 - garantiert kein Langweiler

Kurzfilme wirken auf das Publikum nicht. - Dass diese These nicht stimmt, beweist der Gewinner des Kurzfilm-Wettbewerbs 2009 beim Britspotting-Festival. Gewonnen hat den Wettbewerb Simsons Cat mit der Episode TV Dinner. Auf YouTube ist der Kurzfilm mittlerweile sagenhafte 45 Millionen aufgerufen worden und hat 176.000 Likes erhalten.

Inspiriert von seinen eigenen Katzen löste Simon Tofield sogar einen echten Hype mit seinen Kurzfilmen aus. Mittlerweile ist sogar ein eigener Comic daraus entstanden. Teilgenommen am Britspotting 2009 haben gleich drei der niedlichen Katzenfilme. "Let me in", "TV Dinner" und "fly Guy". Jeder dieser Filme für sich ist sehenswert, sogar für Hundefreunde.

Dokumentarfilm - Gewinner 2009

Der Film- und Fernsehregisseur Michael Whyte hätte 2009 nicht nur den Preis für den besten Dokumentarfilm verdient. Fair wäre gewesen, ihm einen Sonderpreis für außergewöhnliche Beharrlichkeit zu überreichen. Sein Film "No Greater Love" spielt im Most Holy Trinity Kloster bei Notting Hill.

Etwa 10 Jahre beharrliche Korrespondenz mit dem Kloster nahm Michael Whyte auf sich, bevor er die Drehgenehmigung im Kloster erhielt. Gezeigt wird das Leben der Nonnen. Sie leben, fernab der Hektik und der materiellen Ziele der "realen Welt", ganz zurückgezogen. Für 22 Stunden am Tag schweigen sie.

Freizeit begrenzt sich im Klosteralltag auf 2 Stunden täglich. Das Kloster verlassen die Nonnen nur in seltenen Ausnahmefällen, beispielsweise für einen Arztbesuch. Der Tagesablauf im Kloster ist geprägt von Meditation, kirchlichem Gesang und natürlich Gebeten. Der Dokumentarfilmer begleitete die Nonnen in ihrem Alltag und zeigt uns dabei die menschliche Seite der Gottesfrauen.

Er beobachtet sie bei der Herstellung ihrer Kleidung, beim Kochen und bei der Gartenarbeit. In Interviews beweisen die schweigsamen Gottesdienerinnen, dass sie durchaus humorvoll sind und Freude mit dem Leben hinter Klostermauern vereinen. "No Greater Love" bietet dem Zuschauer Einblicke, die sonst nur den Schwestern vorbehalten sind.

Spannend und lebensnah - Eröffnungsfilm Britspotting 2007

Zu sehen ist auf dem alljährlichen Festival Britspotting die ganze Bandbreite aus britischem und irischem Kino. Der Debütfilm von Stephen Hudsons "True North", vorgestellt beim Festival in Berlin 2007, ist ein gutes Beispiel für die Vielfalt. Der Film verbindet fesselnde Spannung und die Auseinandersetzung mit sozialkritischen Themenstellungen unserer Zeit.

Inhaltlich greift das Werk die Probleme der britischen Arbeiterklasse auf. Durch den Niedergang der Industriebetriebe in weiten Teilen Großbritanniens, die Konzentration auf London, sind viele Menschen arm und verzweifelt. Sie sind bereit Dinge zu tun, die unter normalen Umständen für sie undenkbar wären.

Transportiert wird die Problematik durch eine vierköpfige Schiffsmannschaft. Sie können die Raten für ihren Kahn nicht mehr bezahlen. Der Sohn des Kapitäns versucht, den finanziellen Untergang aufzuhalten. Er erklärt sich bereit, illegal Zigaretten von Belgien nach Schottland zu schmuggeln. Kompliziert wird es, als statt der Schmuggelware plötzlich Menschen geschmuggelt werden sollen.

Fast visionär zeigte der Film schon 2007 die Hintergründe, warum 2016 der Brexit vorprogrammiert war. Europa hat gegenüber der Bevölkerung Großbritanniens völlig versagt. Einzig der Bankensektor in Großraum London partizipierte von der EU-Mitgliedschaft. Wie es für die "abgehängten" der Gesellschaft aussah, verdeutlicht "True North" auf spannende Weise.

Bester Kurzfilm war 2007 übrigens: "People in Order - Age" von Lenka Clayton und James Price (3:00 Min). Als bester Spielfilm wurde "Tick Tock Lullaby" von Lisa Gornick (UK 2006, 73 min.) prämiert.

Wer entschied über die Gewinner beim Britspotting?

Insgesamt wurden alljährlich in den Kategorien "Best Feature Film", "Best Documentary" und "Best Short" die Gewinner gekürt. Wer den Preis erhielt, es sind Preisgelder zwischen 2000 Euro und 20.000 Euro ausgelobt, entschieden die Britspotting-Jury und das Publikum. In der Expertenjury saßen Filmprofis aus Großbritannien, Irland, Deutschland und der Schweiz.

Sie entscheiden über die Preisvergabe in den Kategorien "Best Feature Film" und "Best Documentary". Das Publikum vergab den Preis in der Kategorie "Best Short". Stimmberechtigt waren in diesem Fall alle Kinobesucher direkt nach Verlassen der Vorführung. Jeder hatte eine Stimme und wählte den besten Kurzfilm.

Zukunft des British & Irish Film Festival

Von 2000 bis zum Jahr 2011 fand das Britspotting Film Festival im jährlichen Turnus statt. Für 2012 lassen sich noch heute die Ankündigungen im Netz finden. Leider kam es dazu nicht. Eine offizielle Presseerklärung, die die Einstellung des Projektes verkündet, haben wir trotz intensiver Recherche nicht in den Suchergebnissen entdecken können.

Ob es am Geld zur Fortführung mangelte, bliebe zu vermuten. Gekürzt wurde in den letzten Jahren bei vielen künstlerischen Projekten. Damit bleibt die Zukunft des Festivals ungewiss. Zu hoffen ist, dass es eine Wiederbelebung der Traditionsveranstaltung geben wird. Besonders im Hinblick auf die Seminare würde die Unterstützung der Profis, von Filmemachern der Zukunft, sonst vermisst werden.

Sollte es dazu kommen, wird es nicht an den aktuellen Initiatoren von britspotting.de scheitern, Termine für kommende Festivals zu veröffentlichen. Gern würden wir davon berichten, dass wieder ein Filmfestival in Berlin stattfindet, was vorgestellt wird und wer die Gewinner sind. Ein Gewinner stünde von Anfang an fest. Das Publikum, das einen kurzweiligen Abend verleben darf.